Teil 2: Warum ist es so schwer, sich sicher zu fühlen?
- Marek Kawecki
- vor 18 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

Lange Zeit dachte ich, wenn es mir nicht gelang, zur Ruhe zu kommen, dann sei das meine eigene Schuld.
Ich müsste einfach disziplinierter sein. Einen stärkeren Willen haben. Meine Emotionen besser kontrollieren.
Doch je länger ich mit Menschen arbeitete und je tiefer ich in die Welt der Neurowissenschaft eintauchte, desto klarer wurde mir, dass ich in die falsche Richtung schaute.
Es ging nie um mangelnde Willenskraft.
Es ging darum, dass mein Nervensystem genau das tat, wofür es geschaffen wurde – es wollte mich schützen.
Diese Erkenntnis veränderte meinen Blick auf mich selbst grundlegend.
Ich verstand, dass unser Körper nicht auf das reagiert, was wir wissen. Er reagiert auf das, was er im Laufe des Lebens gelernt hat.
Unser Verstand kann sagen:
"Ich bin sicher."
Doch wenn das Nervensystem dieselbe Situation anders bewertet, aktiviert der Körper seine Schutzreaktionen – lange bevor wir sie bewusst wahrnehmen.
Nicht, weil er defekt ist.
Ganz im Gegenteil.
Sondern weil er funktioniert.
Mein Körper reagiert auf Erfahrungen
Lange verstand ich nicht, warum mich manche Situationen stärker aus der Bahn werfen als andere.
Warum mich manchmal eine Welle der Angst überrollt, obwohl objektiv überhaupt nichts passiert.
Warum sich meine Brust vor einem wichtigen Vortrag zusammenzieht, obwohl ich schon unzählige Male vor Menschen gesprochen habe.
Erst später begriff ich, dass das Nervensystem Situationen nicht nach Logik bewertet, sondern nach Erfahrungen.
Es stellt sich nicht die Frage:
„Ist das wirklich gefährlich?“
Es stellt eine viel einfachere Frage:
„Erinnert mich das an etwas, das ich schon einmal erlebt habe?“
Wenn die Antwort Ja lautet, aktiviert es dieselben Schutzmechanismen, die uns früher einmal geholfen haben zu überleben.
Die meisten dieser Prozesse laufen vollkommen automatisch und außerhalb unseres Bewusstseins ab.
Als ich das verstand, hörte ich auf, gegen mich selbst zu kämpfen.
Ich begann, andere Fragen zu stellen.
Nicht mehr:
„Was stimmt nicht mit mir?“
Sondern:
„Welcher Teil von mir versucht gerade, mich zu schützen?“
Genau diese Frage öffnete die Tür zu einer echten Veränderung.
Unsere Geschichte beginnt viel früher, als wir glauben
Einer der bewegendsten Momente auf meinem Weg war die Erkenntnis, dass die Entwicklung unseres Nervensystems bereits während der Schwangerschaft beginnt.
Heute wissen wir, dass die Umgebung, in der sich ein ungeborenes Kind entwickelt, Einfluss auf die Reifung seines Nervensystems und auf seine spätere Stressregulation haben kann.
Das bedeutet nicht, dass unser Schicksal bereits vor der Geburt festgeschrieben ist.
Es bedeutet jedoch, dass manche unserer Reaktionen wesentlich tiefere Wurzeln haben, als uns bewusst ist.
Diese Erkenntnis brachte mir eine große Erleichterung.
Ich hörte auf, meine Reaktionen als Zeichen persönlicher Schwäche zu betrachten.
Stattdessen begann ich, sie als natürliche Folge der Erfahrungen zu verstehen, die mein Körper im Laufe meines Lebens gesammelt hatte.
Und genau deshalb können sie sich auch verändern.
Denn unser Gehirn und unser Nervensystem besitzen ein erstaunliches Geschenk:
Sie bleiben ein Leben lang lernfähig.
Das Wort „Trauma“ bekam für mich eine neue Bedeutung
Früher dachte ich, Trauma bedeute eine Katastrophe.
Etwas Außergewöhnliches.
Etwas, das nur wenigen Menschen widerfährt.
Heute verstehe ich es anders.
Ein Trauma wird nicht allein durch das Ereignis definiert.
Entscheidend ist auch, wie unser Nervensystem dieses Ereignis verarbeitet hat – und ob wir genügend Sicherheit, Unterstützung und Möglichkeiten hatten, anschließend wieder in die Regulation zurückzufinden.
Manchmal verletzt uns das, was geschehen ist.
Manchmal verletzt uns das, was gefehlt hat.
Nähe.
Geborgenheit.
Annahme.
Das Gefühl, sicher zu sein.
Diese neue Sichtweise half mir, nicht länger nach Schuldigen zu suchen.
Ich begann stattdessen, nach Verständnis zu suchen.
Coping – Strategien, die mich einmal geschützt haben
Als ich begann, meine alltäglichen Reaktionen genauer zu beobachten, wurde mir klar, dass die meisten von ihnen keine Fehler sind.
Es sind Überlebensstrategien.
Sich zurückziehen.
Perfektionismus.
Der Wunsch, alles unter Kontrolle zu behalten.
Sich ständig anzupassen.
Gefühle zu unterdrücken.
All das waren Strategien, mit denen mein Nervensystem mich in einer Zeit schützte, in der es keine besseren Möglichkeiten gab.
Heute muss ich nicht mehr nur überleben.
Heute darf ich lernen, anders zu reagieren.
Nicht indem ich meine alten Strategien verurteile.
Sondern indem ich ihnen für ihren Dienst danke und sie Schritt für Schritt durch neue ersetze, die besser zu meinem heutigen Leben passen.
Auf der Suche nach einem Weg
Irgendwann wurde mir klar, dass Verstehen allein nicht ausreicht.
Ich konnte Dutzende Bücher lesen.
Ich konnte die Funktionsweise des Gehirns und des Nervensystems erklären.
Und trotzdem übernahmen in stressigen Momenten immer wieder dieselben alten Automatismen die Kontrolle.
Also begann ich nach einer Möglichkeit zu suchen, dieses Wissen in den Alltag zu übertragen.
Genau in dieser Zeit begegnete ich der AIR-Methode.
Nicht ihre Komplexität faszinierte mich.
Ganz im Gegenteil.
Sie war überraschend einfach.
Doch ich erkannte schnell, dass einfach nicht automatisch leicht bedeutet.
Um sie wirklich anwenden zu können, musste ich zunächst eine andere Fähigkeit entwickeln.
Anhalten.
Wahrnehmen.
Atmen.
Präsent sein.
Genau an diesem Punkt wurde Yoga für mich zu weit mehr als körperliche Bewegung.
Es wurde zu einem Labor der Aufmerksamkeit.
Zu einem Ort, an dem ich lernte, die feinen Signale meines Körpers wahrzunehmen, bevor sie sich in automatische Reaktionen verwandelten.
Erst dann begann die AIR-Methode ihre eigentliche Wirkung zu entfalten.
Drei Schritte, die meinen Blick verändert haben
Awareness – Bewusstwerden
Wahrnehmen, was gerade im Körper, im Geist und in den Emotionen geschieht.
Interruption – Unterbrechen
Einen kleinen Raum zwischen Reiz und automatischer Reaktion schaffen.
Redesign – Neu gestalten
Eine neue Antwort wählen, die nicht von der Vergangenheit bestimmt wird, sondern vom gegenwärtigen Moment.
Auf den ersten Blick wirken diese drei Schritte erstaunlich einfach.
In Wirklichkeit beschreiben sie jedoch eine Fähigkeit, die uns ein Leben lang begleitet.
Die Fähigkeit, immer wieder zu uns selbst zurückzukehren.
Schlussgedanken
Heute glaube ich nicht mehr, dass Veränderung mit stärkerem Willen beginnt.
Ich glaube, sie beginnt in dem Moment, in dem unser Nervensystem zum ersten Mal echte Sicherheit erlebt.
Erst dann hören wir auf, nur zu überleben.
Und beginnen wirklich zu leben.
Genau darauf gründet sich meine gesamte Arbeit mit Menschen.
Es geht mir nicht darum, jemanden zu „reparieren“.
Mein Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich der Körper wieder daran erinnert, wie es sich anfühlt, sicher zu sein.
Sicher im eigenen Körper.
Sicher im eigenen Geist.
Sicher in Beziehungen.
Sicher im Beruf.
Und vor allem:
Sicher im eigenen Leben.
Denn wirkliche Veränderung entsteht nicht durch Druck.
Sie ist die natürliche Folge von Sicherheit.
Deshalb soll diese Artikelserie nicht bei der Theorie stehen bleiben.
Mein Ziel ist es nicht, euch nur neues Wissen zu vermitteln.
Ich möchte euch Erfahrungen ermöglichen, die ihr selbst überprüfen könnt.
Jeder weitere Teil dieser Serie wird deshalb mit einer einfachen, aber äußerst wirkungsvollen Übung enden, die ihr sofort in euren Alltag integrieren könnt.
Denn ich bin überzeugt:
Wahres Verständnis entsteht nicht allein durch Lesen.
Es entsteht in dem Moment, in dem neues Wissen im eigenen Körper zu einer lebendigen Erfahrung wird.
PDF-Schemata herunterladen
Hier kannst du die begleitenden PDF-Schemata und Infografiken zum Blog herunterladen.
Die Materialien fassen die wichtigsten Konzepte, Zusammenhänge und Modelle übersichtlich zusammen und dienen als praktische Ergänzung zu den einzelnen Blogartikeln.
Ideal zum Nachlesen, Ausdrucken oder für das eigene Studium.


Kommentare