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TEIL 8- Ihr Körper produziert sein eigenes Gift. Und das ist völlig in Ordnung.

10. Aug.
5 Min. Lesezeit

Es klingt wie ein Widerspruch.

Aber es stimmt:

Ihre Mitochondrien – also genau die kleinen Kraftwerke, die Sie mit Energie für praktisch alles versorgen – produzieren gleichzeitig Stoffe, die Ihre eigenen Zellen schädigen können.

Das klingt zunächst wie ein Konstruktionsfehler von Mutter Natur.


In Wirklichkeit steckt dahinter einer der cleversten Mechanismen Ihres Körpers.

Denn wenn Sie ihn richtig verstehen, werden Sie feststellen, dass vieles von dem, was Sie bisher über „Antioxidantien“ gehört haben, bestenfalls stark vereinfacht und schlimmstenfalls völlig daneben ist.


Im letzten Teil haben wir darüber gesprochen, was Mitochondrien sind und wie sie Energie produzieren.

Heute kommt die interessantere Hälfte:

Was passiert, wenn dieser Prozess nicht mehr ganz reibungslos läuft – und was hat das mit Alterung, Stimmung und Ihrer Fähigkeit, mit Stress umzugehen, zu tun?


Freie Radikale: Ein Nebenprodukt, das nicht nur ein Problem ist


Wenn Mitochondrien Energie produzieren, „entkommen“ dabei manchmal einige Elektronen.

Dadurch entstehen instabile Moleküle, die als reaktive Sauerstoffspezies, kurz ROS, bezeichnet werden – umgangssprachlich werden sie oft einfach als freie Radikale bezeichnet.


Diese Moleküle sind chemisch instabil.

Sie versuchen, sich ein Elektron aus ihrer Umgebung zu „stehlen“ – beispielsweise aus Ihrer Zellmembran oder sogar aus Ihrer DNA.


In kleinen Mengen ist das völlig normal und zunächst kein Problem.

Es ist ein ganz natürlicher Nebenprozess der Energieproduktion.

Aber jetzt kommt der Teil, den Sie in der Werbung für Nahrungsergänzungsmittel wahrscheinlich nicht hören werden:


Ihr Körper braucht diese Moleküle.

Freie Radikale sind nämlich nicht einfach nur Abfall.

Sie können auch als Signalmoleküle fungieren, die dem Körper mitteilen:

„Hey, hier passiert gerade etwas. Passe dich daran an.“

Dieses Phänomen nennt man Hormese.

Eine kleine Dosis Stress – in diesem Fall oxidativer Stress – fordert den Körper dazu auf, stärker und widerstandsfähiger zu werden.


Genau dieser Mechanismus ist beispielsweise einer der Gründe dafür, warum körperliches Training, das vorübergehend die Menge bestimmter reaktiver Sauerstoffspezies erhöht, langfristig positive Anpassungen auslösen kann.


Das Problem beginnt erst dann, wenn zu viele freie Radikale entstehen und der Körper sie nicht mehr ausreichend kontrollieren und neutralisieren kann.

Das nennt man oxidativen Stress.


Und dieser kann tatsächlich Zellstrukturen schädigen, die Alterung von Gewebe beschleunigen und steht mit einer ganzen Reihe chronischer Erkrankungen in Zusammenhang.


Warum „mehr Antioxidantien“ nicht automatisch besser ist


Damit kommen wir zum ersten großen Mythos.

Die Werbung für Nahrungsergänzungsmittel hat uns jahrelang eine einfache Gleichung eingetrichtert:

Freie Radikale = schlecht.Antioxidantien = gut.Also: möglichst viele davon nehmen.

Die Realität ist wesentlich komplizierter.


Denn der Körper braucht ein gewisses Maß an oxidativem Stress als Signal für Anpassung.

Erinnern Sie sich an die Hormese?


Eine übermäßige Zufuhr bestimmter Antioxidantien aus Nahrungsergänzungsmitteln kann dieses nützliche Signal möglicherweise abschwächen.

Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass hohe Dosen bestimmter antioxidativer Nahrungsergänzungsmittel paradoxerweise einige Anpassungseffekte des Trainings abschwächen können.

Warum?

Weil sie dem Körper gewissermaßen das Signal wegnehmen, auf das er eigentlich mit einer Anpassung reagieren sollte.

Das bedeutet nicht, dass Antioxidantien nutzlos sind.

Ganz im Gegenteil.


Sie kommen ganz natürlich in einer abwechslungsreichen Ernährung mit viel Gemüse und Obst vor – und genau das ist vollkommen sinnvoll und gesund.

Es geht vielmehr darum, dass hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel „auf Nummer sicher“ nicht automatisch die bessere Lösung sind.

Und schon gar nicht sind sie der universelle Alleskönner, als der sie häufig verkauft werden.


Mitochondrien und das Altern


Jetzt kommen wir zu einem Thema, das fast jeden interessiert:

Warum altern wir – und was haben Mitochondrien damit zu tun?

Es gibt die sogenannte mitochondriale Theorie des Alterns.


Sie geht davon aus, dass die zunehmende Ansammlung von Schäden an den Mitochondrien – teilweise verursacht durch oxidativen Stress – einer der wichtigen Mechanismen des Alterungsprozesses sein könnte.


Mit zunehmendem Alter haben Menschen typischerweise weniger Mitochondrien.

Und die Mitochondrien, die übrig bleiben, arbeiten häufig weniger effizient.


Das Ergebnis?

Weniger Energie.

Langsamere Regeneration.

Und das ausgerechnet in einer Lebensphase, in der der Körper eigentlich nicht schlechter, sondern möglichst effizient funktionieren sollte.

Zum Glück besitzt Ihr Körper seine eigene Aufräumkolonne.

Sie heißt Mitophagie.

Das ist ein Prozess, bei dem die Zelle beschädigte oder nicht mehr effizient arbeitende Mitochondrien erkennt, sie buchstäblich abbaut und ihre Bestandteile recycelt.

Aus diesen Bestandteilen können wieder funktionelle Strukturen entstehen.

Es ist ein bisschen so, als würden Sie eine defekte Glühbirne austauschen, anstatt zu versuchen, dieselbe alte Glühbirne für immer zu reparieren.


Das Problem:

Mit zunehmendem Alter und bei einem ungünstigen Lebensstil kann die Mitophagie langsamer und weniger effizient werden.

Weniger effizientes Aufräumen bedeutet:

Mehr beschädigte Mitochondrien bleiben zurück.

Sie sammeln sich an, anstatt recycelt zu werden.

Und genau hier entsteht der Teufelskreis, der hinter diesem Gefühl stehen kann:

„Ich bin einfach nicht mehr der, der ich einmal war.“

Die gute Nachricht zum Ende dieses Abschnitts:

Die Mitophagie lässt sich durch bestimmte Lebensstilfaktoren beeinflussen.

Und genau darüber sprechen wir im letzten Teil.


Die Verbindung zum Gehirn: Warum Stress Sie so erschöpft


Wenn Sie unsere vorherige Serie über Faszien gelesen haben, kommt Ihnen dieser Teil vielleicht bekannt vor.


Denn dasselbe Thema taucht hier wieder auf – nur aus einem völlig anderen Blickwinkel.

Neuronen, also die Zellen Ihres Gehirns, gehören zu den energieintensivsten Zellen des gesamten Körpers.


Obwohl Ihr Gehirn nur einen kleinen Teil Ihres Körpergewichts ausmacht, verbraucht es einen enormen Anteil der gesamten Energie Ihres Körpers.


Das bedeutet:

Ihr Gehirn ist extrem davon abhängig, wie gut seine Mitochondrien funktionieren.

Wenn Sie langfristig unter Stress stehen, produziert Ihr Körper erhöhte Mengen an Cortisol.

Und dieses Hormon sorgt nicht nur – wie wir bereits in der Faszien-Serie besprochen haben – dafür, dass Ihr Nervensystem in ständiger Alarmbereitschaft bleibt.


Es kann gleichzeitig auch die energetische Belastung der Zellen im Gehirn erhöhen und mitochondriale Prozesse beeinflussen.


Das Ergebnis kann das sein, was wir umgangssprachlich als Brain Fog, also „Gehirnnebel“, bezeichnen.


Dieses Gefühl, dass Sie nicht mehr so klar denken wie sonst.

Dass Sie sich schlechter konzentrieren können.


Dass Sie mental einfach „erschöpft“ sind – obwohl Sie körperlich eigentlich gar nichts Besonderes gemacht haben.


Mit anderen Worten:

Die Anspannung, über die wir in der Faszien-Serie als Schutzreaktion des Nervensystems gesprochen haben, hat auch eine energetische Seite.


Chronischer Stress kann die zellulären Kraftwerke genau dort belasten, wo Sie sie am dringendsten brauchen – im Gehirn.


Und das kann erklären, warum Sie sich nach einer besonders anstrengenden und stressigen Phase erschöpft fühlen, obwohl Sie diese Müdigkeit nicht einfach „wegschlafen“ können.


Müdigkeit bedeutet nicht automatisch ein Mitochondrienproblem


Zum Schluss noch ein wichtiger Mythos, den wir unbedingt aus dem Weg räumen müssen:

Nicht jede Müdigkeit bedeutet, dass mit Ihren Mitochondrien etwas nicht stimmt.


Müdigkeit kann Dutzende verschiedene Ursachen haben.

Von zu wenig Schlaf über Nährstoffmangel bis hin zu psychischer Erschöpfung oder bislang unerkannten gesundheitlichen Problemen.


Mitochondrien sind ein wichtiger Teil des Puzzles.

Aber sie sind keine universelle Erklärung für alles.

Wenn Sie sich über längere Zeit ständig müde fühlen, ist das deshalb kein Grund, sich selbst zu diagnostizieren:

„Meine Mitochondrien sind kaputt.“

Und anschließend einen ganzen Schrank voller Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen.

Es ist vielmehr ein Signal, sich das gesamte Bild anzusehen:

Schlaf.Stress.Bewegung.Ernährung.Regeneration.

Und genau darum geht es im letzten Teil.


Nächstes Mal:

Was Sie konkret tun können, um Ihre Mitochondrien zu stärken und mehr Energie zu haben – Bewegung, Schlaf, Ernährung und ein paar überraschende Strategien, die besser funktionieren können als die nächste Tasse Kaffee.

 
 
 

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