TEIL 11-Ihr Körper glaubt, dass Sie immer noch in Gefahr sind. Und Sie merken es nicht einmal.
- Marek Kawecki
- 10. Aug.
- 5 Min. Lesezeit

Stellen Sie sich einen Feuerwehrmann vor, der einmal einen gewaltigen Brand erlebt hat und nur knapp mit dem Leben davongekommen ist.
Seitdem rast sein Herz bei jedem stärkeren Geruch nach Rauch – sogar beim Grillen im Garten – und er wird von Panik überflutet.
Sein Körper versucht nur, ihn zu schützen.
Das Problem:
Er tut es auch dort, wo überhaupt keine Gefahr besteht.
Genau das passiert bei vielen Menschen jeden Tag – nur ohne Feuer und ohne Grill.
Im letzten Teil haben wir darüber gesprochen, wie das autonome Nervensystem und der Vagus funktionieren.
Heute schauen wir uns an, was passiert, wenn dieses System in einem Schutzmodus „stecken bleibt“, obwohl es längst keinen Grund mehr dafür gibt.
Wie ein festgefahrenes Muster entsteht
Erinnern Sie sich an die drei Zustände aus dem letzten Teil:
Sicherheit. Kampf/Flucht. Erstarrung.
Diese Reaktionen sind entstanden, um Sie in einem konkreten Moment der Bedrohung zu schützen.
Das Problem beginnt, wenn das Nervensystem diese Reaktion generalisiert – also auch in Situationen auslöst, die nur oberflächliche Ähnlichkeiten mit der ursprünglichen Bedrohung haben.
Ein typisches Beispiel:
Ein Mensch, der als Kind häufig von einem sehr strengen Elternteil kritisiert wurde, kann als Erwachsener auf jede Form von Feedback mit einem starken inneren Alarm reagieren.
Auch wenn dieses Feedback völlig neutral oder sogar gut gemeint ist.
Der Körper erinnert sich nämlich nicht einfach daran:
„Das war damals diese eine Person in dieser einen Situation.“
Er erinnert sich an das Muster:
„Kritik = Gefahr.“
Und sobald auch nur ein kleiner Hinweis auf dieses Muster auftaucht, kann dieselbe Schutzreaktion wieder ausgelöst werden.
Das ist keine Schwäche.
Und auch keine übertriebene Empfindlichkeit.
Es ist eine durchaus logische – wenn auch unangenehme – Strategie des Nervensystems.
Es hat irgendwann gelernt:
„Diese Art von Situation könnte gefährlich sein.“
Und seitdem schlägt es lieber einmal zu früh Alarm, als einmal zu spät.
Theoretisch, um Sie zu schützen.
Die häufigsten festgefahrenen Muster, die Sie vielleicht kennen
Chronische Hypervigilanz
Eine ständige innere Alarmbereitschaft.
Sie scannen permanent Ihre Umgebung.
Menschen.
Gesichtsausdrücke.
Stimmen.
Tonlagen.
Sie beobachten ständig, ob irgendwo etwas nicht stimmt.
Das ist extrem anstrengend, weil der Körper praktisch permanent in einer leichten Alarmbereitschaft bleibt – auch wenn Sie nach außen völlig entspannt wirken.
Erstarrung und Dissoziation
Wenn eine Situation als so bedrohlich wahrgenommen wird – oder an eine frühere Überforderung erinnert –, dass weder Kampf noch Flucht möglich erscheinen, kann der Körper „abschalten“.
Von außen kann das wie Apathie oder Teilnahmslosigkeit aussehen.
Wie Abwesenheit.
Oder wie das Gefühl:
„Ich beobachte mich gerade selbst von außen.“
Das ist keine Faulheit.
Kein Desinteresse.
Es kann eine letzte Schutzreaktion des Nervensystems sein.
Vermeidendes Verhalten und Isolation
Wenn der Körper bestimmte Situationen immer wieder als riskant bewertet – soziale Kontakte, Konflikte, Nähe oder bestimmte Orte –, scheint die einfachste Lösung zu sein:
Vermeide sie komplett.
Kurzfristig funktioniert das sogar.
Sie fühlen sich erleichtert.
Langfristig kann genau das aber das Problem verstärken.
Denn Ihr Nervensystem bekommt dadurch niemals die Erfahrung:
„Ich war in dieser Situation – und es ist nichts Schlimmes passiert.“
Stattdessen lernt es:
„Gut, dass wir weggegangen sind. Es war offensichtlich gefährlich.“
Und der Kreislauf beginnt von vorne.
Körperliche Symptome
Ein enger Brustkorb.
Flache Atmung – genau das, worüber wir bereits in der Faszien-Serie gesprochen haben.
Verdauungsprobleme.
Chronische Spannung in Schultern oder Kiefer.
Denn der Körper erlebt diese Muster nicht nur „im Kopf“.
Er erlebt sie buchstäblich:
in der Muskulatur, in der Atmung und im Verdauungssystem.
Warum der Vagus mit mehr Dingen zu tun hat, als Sie denken
Der Vagus verbindet das Gehirn nämlich nicht nur mit irgendwelchen „Gefühlen“.
Er steht in enger Verbindung mit großen Teilen des Körpers.
Und genau das erklärt, warum sich dysregulierte Muster auf so unterschiedliche Weise zeigen können.
Der Darm
Zwischen Gehirn und Verdauungstrakt besteht eine enge Verbindung, die als Darm-Hirn-Achse bezeichnet wird.
Der Vagus ist dabei eine wichtige Kommunikationsverbindung.
Das ist einer der Gründe, warum Menschen unter chronischem Stress so häufig auch mit Verdauungsproblemen zu kämpfen haben.
Wenn das Nervensystem ständig mit Alarm beschäftigt ist, verändert sich auch die Regulation der Verdauung.
Vereinfacht gesagt:
Der Körper hat gerade Wichtigeres zu tun, als in Ruhe zu verdauen.
Immunsystem und Entzündung
Der Vagus spielt auch eine Rolle bei der Regulation entzündlicher Prozesse im Körper.
Eine geringe vagale Aktivität bzw. eine geringere autonome Regulationsfähigkeit wird in Studien mit verschiedenen Markern von Entzündung und Stress in Verbindung gebracht.
Das ist ein weiterer Grund, warum chronischer Stress den Körper deutlich umfassender beeinflussen kann, als nur auf der psychischen Ebene.
Stimme, Schlucken und Gesichtsausdruck
Hier wird es interessant.
Der Vagus ist auch an Funktionen beteiligt, die mit Kehlkopf, Stimme und Schlucken zusammenhängen.
Das kann erklären, warum Menschen unter starkem Stress manchmal eine leisere, flachere Stimme bekommen oder Schwierigkeiten beim Schlucken empfinden.
Und genau deshalb können bestimmte Formen von Stimme, Atmung und sozialer Interaktion Einfluss auf den Zustand des autonomen Nervensystems haben.
Darüber sprechen wir im nächsten Teil noch genauer.
Woran Sie eine geringe vagale Regulation erkennen können
Ein paar typische Signale, auf die es sich zu achten lohnt:
chronische Müdigkeit, selbst nach ausreichend Schlaf,
Schwierigkeiten, nach einer Stresssituation wieder herunterzufahren – der „Nachhall“ dauert Stunden statt Minuten,
häufige Verdauungsprobleme ohne eindeutig erkennbare Ursache,
das Gefühl, dass Emotionen entweder vollständig die Kontrolle übernehmen – oder dass Sie sie überhaupt nicht mehr richtig spüren.
Wichtig ist dabei ein Unterschied:
Es ist ein großer Unterschied zwischen
„Ich bin einfach faul.“
oder
„Ich habe einfach nicht genug Willenskraft.“
und:
„Mein Nervensystem ist langfristig dysreguliert.“
Das Erste ist eine Bewertung Ihres Charakters.
Das Zweite beschreibt einen möglichen physiologischen Zustand mit konkreten Ursachen und möglichen Wegen, damit umzugehen.
Wenn solche Muster Ihren Alltag deutlich beeinträchtigen, ist es sinnvoll, mit einer geeigneten Fachperson darüber zu sprechen – beispielsweise einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten bzw. einer Ärztin oder einem Arzt mit Erfahrung in körperorientierten Therapieansätzen.
Nicht alles lässt sich mit ein bisschen mehr Willenskraft lösen.
Warum „Beruhig dich einfach“ niemals funktioniert
Hier liegt ein entscheidender Unterschied.
Und genau er erklärt, warum dieser gut gemeinte Rat von Freunden oder Kollegen meistens nicht funktioniert:
Es gibt einen Unterschied zwischen kognitiver Regulation und somatischer Regulation.
Kognitive Regulation bedeutet:
„Denk logisch darüber nach. Es passiert doch gar nichts.“
Somatische Regulation bedeutet:
Der Körper bekommt tatsächlich die Erfahrung, dass er sicher ist.
Ein dysreguliertes Nervensystem reagiert nämlich nicht nur auf das, was Sie über eine Situation denken.
Es reagiert auf das, was Ihr Körper in dieser Situation wahrnimmt und empfindet.
Deshalb kann ein rationales Argument wie
„Es ist doch überhaupt nichts Schlimmes passiert“
bei einem dysregulierten Nervensystem erstaunlich wenig bewirken.
Sie sprechen schlicht eine andere Sprache.
Wenn ein Schutzmuster wirklich verändert werden soll, braucht der Körper wiederholte, direkte Erfahrungen von Sicherheit.
Nicht nur einen guten Ratschlag.
Nicht nur einen einzigen tiefen Atemzug in einem Moment der Krise.
Sondern wiederholte Erfahrungen, die dem Nervensystem zeigen:
„Ich bin hier. Ich bin sicher. Ich kann loslassen.“
Und genau darum geht es im letzten Teil dieser Serie:
Wie diese Erfahrung praktisch aussieht.
Nächstes Mal
Konkrete Techniken, mit denen Sie Ihre autonome Regulation unterstützen und Ihrem Körper wieder beibringen können, dass er tatsächlich loslassen darf – Atmung, Kälte, Stimme, Bewegung und vor allem das, was aus einer kurzfristigen Technik eine langfristige Veränderung macht.



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