top of page

TEIL 10- Warum ein Mensch wegen einer Kleinigkeit zusammenbricht – und ein anderer selbst in einer Krise ruhig bleibt

Du kennst das.

Bei einem Kollegen fällt der Kaffee auf die Tastatur und er lacht einfach darüber.

Beim anderen reicht schon eine Nachricht vom Chef:

„Können wir kurz sprechen?“

Und schon zieht sich der Magen zusammen, der Herzschlag wird schneller und der Kopf produziert die schlimmsten möglichen Szenarien.

Das hat nichts mit Charakter, Willenskraft oder damit zu tun, „wie gut jemand sein Leben im Griff hat“.


Es geht um ein System, von dem die meisten Menschen überhaupt nichts wissen – bis es anfängt, ihnen ernsthafte Probleme zu machen.


Es heißt autonomes Nervensystem und steuert buchstäblich, wie Ihr Körper auf die Welt um Sie herum reagiert – ohne dass Sie bewusst etwas dafür tun, ohne Ihre Erlaubnis und vor allem: viel schneller, als Sie überhaupt darüber nachdenken können.


Diese Serie zeigt Ihnen, wie dieses System funktioniert, warum es bei vielen Menschen in einem ungesunden Zustand „hängen bleibt“ und was Sie tatsächlich dagegen tun können.

Aber zuerst müssen wir die Grundlagen verstehen.


Was ist das autonome Nervensystem?

Das autonome Nervensystem ist der Teil Ihres Nervensystems, den Sie nicht bewusst steuern.

Sie haben sich nie bewusst dafür entschieden, dass Ihr Herz schneller schlagen soll, wenn Sie erschrecken.


Sie haben auch keinen Kalender dafür angelegt, wann Ihre Verdauung schneller oder langsamer arbeiten soll.


Das alles läuft im Hintergrund.

Wie das Betriebssystem eines Computers, von dem Sie normalerweise überhaupt nichts mitbekommen – bis irgendwo etwas hängen bleibt.


Es steuert unter anderem:

  • Herzschlag und Blutdruck,

  • Atmung,

  • Verdauung,

  • Immunreaktionen,

  • und – wie wir bereits in der Serie über die Faszien gesehen haben – auch die Spannung in Ihrem Körper.


Die meisten Menschen nehmen dieses System überhaupt nicht wahr.

Bis es irgendwann anfängt, „nicht mehr richtig zu funktionieren“.

Plötzlich taucht Angst ohne erkennbaren Grund auf.

Chronische Spannung.

Verdauungsprobleme.

Oder dieses seltsame Gefühl, ständig unter einem leisen inneren Alarm zu stehen, obwohl objektiv gar nichts Schlimmes passiert.


Zwei Gegenpole: Alarmknopf und Sicherheitsmodus


Das autonome Nervensystem hat zwei wichtige Bereiche, die wie Gegenspieler funktionieren.

Der Sympathikus

Ihr Alarmknopf.

Er wird bei Stress, Angst oder Gefahr aktiviert.

Der Herzschlag wird schneller, die Muskelspannung steigt, Energie wird weg von Verdauung und anderen weniger dringenden Funktionen gelenkt und in die Muskulatur gebracht.

Warum?


Weil Ihr Körper gerade etwas tun muss:

kämpfen oder fliehen.

Perfekt, wenn plötzlich ein Auto auf Sie zufährt.

Eine Katastrophe, wenn dieser Mechanismus die ganze Arbeitswoche über wegen E-Mails vom Chef aktiviert bleibt.

Der Parasympathikus

Der Gegenpol.

Ihr Modus für Sicherheit, Verdauung und Regeneration.

Er verlangsamt den Herzschlag, ermöglicht dem Körper Reparaturprozesse, unterstützt Verdauung, Schlaf und Erholung.

Das ist der Zustand, in dem Ihr Körper einen großen Teil seiner Zeit verbringen sollte.

Wichtig ist dabei aber eine Sache:

Das Ganze funktioniert nicht wie ein einfacher Schalter mit den Positionen „AN“ und „AUS“.

Es ist eher eine Skala.

In jedem Moment sind verschiedene Systeme aktiv – entscheidend ist, welches davon gerade dominiert.


Ein gesundes Nervensystem kann flexibel zwischen Aktivierung und Ruhe wechseln, abhängig davon, was die Situation verlangt.

Das Problem entsteht, wenn das System dauerhaft zu einer Seite tendiert.

Typischerweise zur Seite des Alarms.


Der Vagusnerv – das wichtigste Kabel für Ruhe


Eine entscheidende Rolle in diesem ganzen System spielt ein bestimmter Nerv:

der Nervus vagus, auf Deutsch Vagusnerv oder Nervus vagus.

Er ist der längste der Hirnnerven und verbindet das Gehirn mit einem großen Teil der inneren Organe – unter anderem mit Herz, Lunge und Verdauungstrakt.

Vereinfacht gesagt ist er eine wichtige Verbindung, über die parasympathische Signale den Körper erreichen.


Die Botschaft lautet:

„Wir sind sicher. Du kannst loslassen.“

Wie gut dieses System funktioniert, wird unter anderem mit dem Begriff Vagustonus beschrieben.

Vereinfacht gesagt gilt:

Je besser Ihr autonomes Nervensystem zwischen Aktivierung und Erholung regulieren kann, desto schneller können Sie sich nach einer Stresssituation wieder beruhigen.

Menschen mit einer guten autonomen Regulationsfähigkeit kommen typischerweise schneller wieder „zurück in den Normalzustand“ – nach einem Streit, einem Schreckmoment oder einem anstrengenden Tag.


Bei anderen bleibt das Alarmsystem deutlich länger aktiv, obwohl der eigentliche Auslöser längst verschwunden ist.

Es gibt außerdem einen messbaren Wert, der eng damit zusammenhängt:

die Herzratenvariabilität, kurz HRV.

Damit ist gemeint, wie stark sich die Zeitabstände zwischen einzelnen Herzschlägen verändern.

Klingt zunächst nach einem ziemlich unwichtigen Detail.

Ist es aber nicht.


Eine höhere Herzratenvariabilität wird häufig mit einer besseren Fähigkeit des autonomen Nervensystems zur Anpassung an Belastung und Erholung in Verbindung gebracht.

Deshalb taucht die HRV heute in so vielen Smartwatches und Fitness-Apps auf.

Sie ist nicht einfach nur eine weitere Lifestyle-Metrik.

Sie kann tatsächlich Hinweise darauf geben, wie flexibel Ihr autonomes Nervensystem auf Belastung reagiert.


Drei Zustände, in denen sich Ihr Körper befinden kann


Jetzt kommt ein Konzept, das dieses ganze Bild noch einmal auf eine andere Ebene bringt:

die sogenannte polyvagale Theorie, die vom Neurowissenschaftler Stephen Porges entwickelt wurde.


Nach diesem Modell gibt es nicht einfach nur zwei Zustände – Ruhe und Alarm.

Stattdessen werden drei grundlegende Reaktionsmuster beschrieben, die je nach wahrgenommener Bedrohung auftreten können:


1. Sicherheit und soziale Verbundenheit

Der evolutionär jüngste und komplexeste Zustand.

Der Körper ist ruhig und offen.

Sie können mit anderen Menschen in Kontakt treten, kommunizieren, verdauen, schlafen und regenerieren.

Sie fühlen sich grundsätzlich sicher genug, um mit Ihrer Umgebung zu interagieren.


2. Kampf oder Flucht

Der Körper nimmt eine Bedrohung wahr.

Der Sympathikus wird aktiviert.

Energie wird in die Muskulatur gelenkt, der Herzschlag steigt und der Körper bereitet sich darauf vor, sich zu verteidigen oder wegzulaufen.


3. Erstarrung oder Kollaps

Die älteste und grundlegendste Schutzstrategie.

Wenn der Körper eine Situation als so bedrohlich oder ausweglos bewertet, dass weder Kampf noch Flucht möglich erscheinen, kann er in einen Zustand starker Dämpfung wechseln.

Taubheitsgefühl.

Dissoziation.


Das Gefühl, innerlich „abzuschalten“.

Es ist eine Art letzte Notbremse – eine Reaktion, die wir in unterschiedlichen Formen auch bei vielen Tieren beobachten können, beispielsweise beim sogenannten Totstellreflex.

Wichtig ist:


Nach diesem Modell greift der Körper auf diese Strategien nicht völlig zufällig zurück.

Zunächst versucht er, Sicherheit und soziale Verbindung aufrechtzuerhalten.

Wenn das nicht funktioniert, kommt es zur Kampf- oder Fluchtreaktion.

Und wenn auch diese Strategie nicht mehr möglich erscheint, kann der Körper in Erstarrung oder Kollaps wechseln.


Und noch etwas sollten Sie sich unbedingt merken:

Dieses System ist zutiefst sozial.

Die Anwesenheit eines anderen Menschen.

Sein Tonfall.


Sein Gesichtsausdruck.

Seine Körpersprache.

All das kann Ihr Nervensystem beruhigen – oder alarmieren.

Und zwar oft schneller, als jede rationale Überlegung überhaupt eine Chance bekommt.


Wohin diese Serie führt


Die Grundlage haben wir jetzt.

In den nächsten beiden Teilen wird es richtig interessant:

  • Warum sich eine Schutzreaktion „festfahren“ kann, obwohl längst keine reale Gefahr mehr besteht – und wie sich chronische Hypervigilanz, Erstarrung oder vermeidendes Verhalten im ganz normalen Alltag zeigen können.

  • Was Sie konkret tun können, um Ihre autonome Regulation zu verbessern und Ihrem Körper wieder beizubringen, dass er tatsächlich loslassen darf – und warum der gut gemeinte Rat „Entspann dich einfach“ praktisch nie funktioniert.

Anders gesagt:

Sie werden feststellen, dass das, was Sie bisher vielleicht als

„Ich bin einfach ein ängstlicher Typ.“

oder

„Ich bin eben jemand, der sich schnell erschreckt.“

bezeichnet haben, möglicherweise gar keine Frage Ihrer Persönlichkeit ist.

Es kann eine Frage Ihres Nervensystems sein.

Und das Nervensystem kann lernen.

Es kann sich anpassen.

Und mit etwas Geduld kann es neue Reaktionsmuster entwickeln.


Nächstes Mal:

Warum eine Schutzreaktion, die Ihnen irgendwann einmal geholfen hat zu überleben, auch dann „stecken bleiben“ kann, wenn längst keine Gefahr mehr da ist – und wie sich das im ganz normalen Alltag zeigt.

 
 
 

Kommentare


bottom of page