TEIL 5- Das Gehirn steuert nicht die Muskeln. Es steuert die Angst.

Versuchen Sie sich an einen Moment zu erinnern, in dem Sie extrem gestresst waren – vor einer Prüfung, vor einem Vorstellungsgespräch oder nach einem Streit.
Erinnern Sie sich daran, wie Ihre Schultern angespannt waren? Wie Sie die Zähne zusammengebissen haben? Wie sich Ihr Magen zusammengezogen hat?
Das war kein Zufall.
Und es war auch nicht einfach nur ein Gefühl, das „in Ihrem Kopf“ entstanden ist.
Es war Ihr Körper, der direkt auf die Befehle Ihres Gehirns reagiert hat.
Und genau dieser Mechanismus, über den wir jetzt sprechen werden, ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Dinge, die Sie jemals über Ihren eigenen Körper erfahren werden.
Im letzten Teil haben wir darüber gesprochen, was Faszien sind und warum sie ein zusammenhängendes Netzwerk bilden, das sich durch den gesamten Körper zieht.
Jetzt kommt der wirklich spannende Teil:
Dieses Netzwerk wird nicht in erster Linie von den Muskeln gesteuert. Es wird vom Gehirn gesteuert.
Und das Gehirn fragt nicht:
„Was muss ich jetzt tun?“
Es fragt:
„Bin ich sicher?“
Und je nachdem, wie die Antwort ausfällt, zieht es – völlig unbemerkt und ohne Sie zu fragen – den Spannungs-Gürtel um Ihren gesamten Körper enger oder lässt ihn wieder lockerer werden.
Ihre „Steifheit“ ist vielleicht gar kein Problem. Sie ist ein Bodyguard.
Hier ist ein Satz, den sich jeder unterstreichen sollte:
Das, was Sie für einen „steifen Körper“ halten, ist möglicherweise überhaupt kein Problem der Muskeln oder Faszien. Es kann eine Schutzstrategie Ihres Nervensystems sein.
Das funktioniert ungefähr so:
Faszien sind reich an Nervenendigungen – nach einigen Schätzungen sogar stärker innerviert als die Muskeln selbst.
Dadurch kann das Gehirn ständig überwachen, was in diesem Gewebe passiert, und seine Spannung praktisch sofort verändern.
Schneller, als Sie überhaupt bewusst wahrnehmen können, was gerade passiert.
Wenn das Gehirn eine Situation als gefährlich bewertet – egal, ob es sich um eine tatsächliche Bedrohung, chronischen Stress oder nur um die Erinnerung daran handelt, dass „mir genau hier schon einmal etwas wehgetan hat“ – erhöht es vorsorglich die Spannung im faszialen System.
Ähnlich wie wenn jemand nachts durch eine dunkle Gasse geht und unbewusst die Schultern hochzieht und den ganzen Körper anspannt.
Der Körper bereitet sich auf einen Schlag vor, der vielleicht niemals kommt.
Das Problem entsteht, wenn dieser Alarmzustand zu lange eingeschaltet bleibt.
Dann hilft Ihnen möglicherweise keine Massage und kein Stretching der Welt.
Denn das Problem ist nicht unbedingt, dass der Muskel „verkürzt“ oder „verspannt“ ist.
Das Problem kann darin liegen, dass das Gehirn die Situation weiterhin als gefährlich bewertet – und die Spannung deshalb ganz bewusst aufrechterhält.
Zwei Hebel, die das Ganze steuern
Dahinter stehen zwei Systeme, von denen Sie vielleicht schon gehört haben, aber möglicherweise nicht wissen, wie direkt sie Ihre Muskeln und Faszien beeinflussen:
Sympathikus – Ihr „Alarmknopf“
Er wird bei Stress, Angst und Gefahr aktiviert.
Er erhöht die Spannung, den Herzschlag und die Aufmerksamkeit.
Perfekt, wenn Sie vor einem Auto weglaufen müssen.
Eine Katastrophe, wenn er wegen der E-Mails Ihres Chefs 16 Stunden am Tag eingeschaltet bleibt.
Parasympathikus – Ihr „Ruhe- und Sicherheitsmodus“
Er reduziert die Spannung, verlangsamt den Herzschlag und ermöglicht dem Körper, sich zu reparieren und zu regenerieren.
Das ist der Zustand, in dem sich Ihr Körper eigentlich einen großen Teil der Zeit befinden sollte.
Nur ist es bei sehr vielen Menschen genau umgekehrt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Vagusnerv – die wichtigste „Verbindung“ des parasympathischen Nervensystems, die das Gehirn mit einem großen Teil der inneren Organe und auch mit dem faszialen Netzwerk verbindet.
Wenn er aktiv ist, bekommt der Körper eine Botschaft:
„Wir sind sicher. Du kannst loslassen.“
Wenn seine Funktion durch chronischen Stress beeinträchtigt wird, bleibt der Körper dagegen in einem Zustand ständiger Wachsamkeit.
Und das zeigt sich genau dort, wo Sie es vielleicht niemals erwarten würden:
im Rücken, in den Schultern, im Kiefer.
Dieses Konzept, bekannt als Polyvagal-Theorie, lässt sich vereinfacht auf einen entscheidenden Punkt bringen:
Das Gefühl von Sicherheit ist nicht nur eine psychische Angelegenheit. Es ist ein physiologischer Zustand, der die Spannung in Ihrem Körper verändert.
Warum Ihnen etwas wehtun kann, obwohl dort gar kein Problem ist
Das erklärt eine der frustrierendsten Erfahrungen in der Medizin:
Ein Mensch hat Schmerzen, geht zur Untersuchung – und der Arzt sagt:
„Ich sehe dort nichts.“
Das ist keine Ausrede.
Und es bedeutet auch nicht automatisch, dass der Arzt Sie nicht ernst nimmt.
Es liegt daran, dass Schmerz und Gewebeschädigung zwei unterschiedliche Dinge sind, die häufig überhaupt nicht direkt miteinander verbunden sind.
Denn letztlich entsteht Schmerz im Gehirn – nicht im Gewebe selbst.
Das Gehirn bewertet ständig die Signale aus dem gesamten Körper und entscheidet, ob die Situation gefährlich genug ist, um einen Alarm in Form von Schmerz auszulösen.
Bei einer akuten Verletzung ergibt das vollkommen Sinn.
Der Schmerz schützt Sie davor, das verletzte Gewebe weiter zu belasten.
Bei chronischen Schmerzen kann sich dieses Alarmsystem jedoch „festfahren“ – selbst dann, wenn das Gewebe längst wieder verheilt ist.
Das nennt man zentrale Sensibilisierung.
Das Nervensystem wird überempfindlich und beginnt, bereits bei Signalen Alarm zu schlagen, die es früher einfach ignoriert hätte.
Es ist ein bisschen wie bei einer Autoalarmanlage, die plötzlich losheult, obwohl nur eine Katze am Auto vorbeiläuft.
Mit dem Auto selbst ist nichts kaputt.
Das Problem liegt in der Empfindlichkeit des Alarmsystems.
Und weil der gesamte Körper durch ein fasziales Netzwerk miteinander verbunden ist – erinnern Sie sich an den letzten Teil? – kann sich Schmerz zusätzlich an einer anderen Stelle zeigen als dort, wo das eigentliche Problem entstanden ist.
Ihre Schulter tut weh, aber das Problem liegt vielleicht im Nacken.
Ihr Knie tut weh, aber die Ursache liegt möglicherweise in der Hüfte.
Der Körper funktioniert eben nicht wie eine Sammlung voneinander getrennter Einzelteile.
Er funktioniert wie ein Netzwerk, in dem sich Spannung und Signale ständig in beide Richtungen verteilen.
Stress, an den sich Ihr Körper besser erinnert als Sie selbst
Jetzt kommen wir zu dem Teil, der wirklich jeden betrifft:
Was macht chronischer Stress mit Ihrem Körper?
Wenn Sie unter Stress stehen, schüttet der Körper Cortisol aus – ein Hormon, das für kurzfristiges Überleben hervorragend ist und zum Problem werden kann, wenn es über Monate hinweg dauerhaft erhöht bleibt.
Langfristig erhöhte Cortisolspiegel können:
den Sympathikus – also den „Alarmknopf“ – dauerhaft aktiviert halten,
verändern, wie Sie sich bewegen, weil Ihr Körper unbewusst schützende und angespannte Bewegungsmuster entwickelt,
die Beweglichkeit einschränken, weil die Faszien in einer permanenten „Schutzspannung“ bleiben,
und zu chronischer Erschöpfung beitragen, weil der Körper ständig in Bereitschaft ist – selbst wenn Sie schlafen.
Das Tückischste daran ist eine Asymmetrie, die jeder kennen sollte:
Das Nervensystem kann Spannung praktisch sofort „verriegeln“. Aber es braucht deutlich länger, um sie wieder zu entriegeln.
Ein einziger Moment der Angst kann reichen, damit sich der Körper zusammenzieht.
Damit der Körper sich aber davon überzeugen kann, dass er wieder sicher ist, braucht er wiederholte und konsistente Beweise.
Nicht nur einen gemütlichen Abend auf der Couch vor einer Serie.
Genau deshalb kann eine einzige Massage oder eine einzelne Trainingseinheit Schmerzen manchmal nur vorübergehend „wegmachen“.
Sie haben die Überzeugung des Nervensystems darüber, ob die Situation sicher ist, nicht verändert.
Sie haben das Alarmsignal nur für einen Moment umgangen.
Was Sie daraus mitnehmen sollten
Wenn Sie das nächste Mal spüren, dass Sie „steif“ sind, versuchen Sie nicht sofort zu fragen:
„Wie bekomme ich das wegmassiert?“
Fragen Sie stattdessen:
„Was sagt meinem Körper gerade, dass er hier nicht sicher ist?“
Vielleicht ist es ein körperlicher Schmerz aus der Vergangenheit, den Ihr Körper noch nicht vergessen hat.
Vielleicht ist es chronischer Stress bei der Arbeit.
Vielleicht ist es einfach langfristiger Schlafmangel, der Ihr Alarmsystem dauerhaft auf Spannung hält.
Was auch immer dahintersteckt:
Der Schlüssel zur Entspannung führt nicht unbedingt über noch mehr Druck auf den Muskel.
Er führt über die Überzeugung des Gehirns, dass es endlich sicher ist, loszulassen.
Und genau darum geht es im letzten Teil dieser Serie:
Wie Bewegung, Atmung und Yoga als Training funktionieren können, durch das Ihr Nervensystem wieder lernt, dass es Spannung loslassen darf – und warum das besser funktionieren kann, als Sie vielleicht erwarten.
Nächstes Mal:
Warum Yoga nicht so funktioniert, wie Sie denken – und wie Atmung und langsame Bewegung Ihr Nervensystem buchstäblich auf ein Gefühl von Sicherheit neu kalibrieren können.



Kommentare